20 Es waren aber einige Griechen unter denen, die heraufgekommen waren, um anzubeten auf dem Fest. 21 Die traten zu Philippus, der von Betsaida aus Galiläa war, und baten ihn und sprachen: Herr, wir wollten Jesus gerne sehen. 22 Philippus kommt und sagt es Andreas, und Philippus und Andreas sagen's Jesus weiter. 23 Jesus aber antwortete ihnen und sprach: Die Zeit ist gekommen, dass der Menschensohn verherrlicht werde. 24 Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht. 25 Wer sein Leben lieb hat, der wird's verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird's erhalten zum ewigen Leben. 26 Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Es ist gar nicht so einfach, immer den richtigen Moment abzupassen; immer genau zu wissen:jetzt ist der richtige Zeitpunkt gekommen umzukehren, oder etwas Neues in Angriff zu nehmen, oder eine andere Richtung einzuschlagen. Hier in unserem Predigttext zeigt sich, dass Jesus genau an so einem Punkt angekommen ist.

Es beginnt damit,dass zum Passafest einige Griechen in Jerusalem sind. Und weil die Jesus unbedingt sprechen möchten, bitten sie den Jünger Philippus um Kontaktaufnahme. Der ist allerdings etwas unsicher, ob man diese Ausländer einfach so zu Jesus bringen kann und berät sich deshalb mit Andreas. Die beiden kommen überein, Jesus zu fragen, wann denn die Griechen mal vorbei kommen könnten.

Aber, und hier beginnt das Erstaunliche, Jesus sagt weder Ja noch Nein. Die Jünger haben fast das Gefühl, dass Jesus sie nicht richtig verstanden hat. Sie fragen nach einem Termin und Jesus erzählt ihnen etwas über Weizenkörner. Was bitte soll das?

Aber Jesus war ja schon immer für eine Überraschung gut, und deshalb hören sie schon genau hin, auch wenn sie das alles im Moment gar nicht in Zusammenhang bringen können. Aber im Laufe der Jahre haben sie begriffen, dass es Sinn macht, bei Jesus immer genau hinzuhören.

Und so sagt er ihnen: Die Stunde ist gekommen. Jetzt wird die Herrlichkeit des Menschensohnes sichtbar werden. Wahrlich, ich versichere euch: das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.

Jesus hat sehr wohl die Anfrage der Griechen durch seine Jünger verstanden, reagiert aber auf einer viel tieferen Ebene: Ihm wird plötzlich klar: jetzt ist der Moment gekommen, ab jetzt wird sich etwas ändern. Er merkt: hier und jetzt ist seine Mission erstmal ans Ziel gekommen, jedenfalls doch der erste Teil seiner Mission.

Die Anfrage der Griechen wird hier zur Schlüsselposition, eine Schaltstelle auf Jesu Weg.

Jesus wird klar, dass er ist jetzt schon weit über die Grenzen Israels bekannt geworden ist. Und ihm wird deutlich: jetzt muss ich meinen Auftrag zu Ende bringen.

Es ist wie bei einem Puzzle: erst wenn alle Teile zusammen sind, sieht man das ganze Bild. Und im Leben Jesu fehlen noch einige entscheidende Puzzleteile. Zum Beispiel fehlt noch das, was Jesus hier Verherrlichung nennt. Die Jünger hatten schon immer eine deutliche Wunschvorstellung davon, wie das dann aussieht: Jesu Verherrlichung. Toll würde es werden, der Menschensohn würde ganz groß rauskommen, als der beste und bekannteste Prediger, als großartiger Heiler, der sogar Tote aufweckt, vielleicht ja doch als König der Juden, mit allem Glanz, der dazu gehört. Und sie, die Jünger dicht an Jesu Seite.

Aber genau so sieht Jesu Verherrlichung nicht aus. Ganz im Gegenteil. Er lässt sich nicht umjubeln und feiern. Wenn Jesus von seiner Verherrlichung spricht, dann redet er von seinem Weg zum Kreuz; von Verrat, Gemeinheiten, Schmerzen und seinem qualvollen Sterben. Die tiefste Niederlage, die Schande, das Entsetzlichste, was einem Menschen angetan werden kann,das ist die Stunde seiner Verherrlichung.

Und genau das ist das fehlende Puzzleteil. Erst mit seinem Tod wird das Bild vollständig. Jesus muss sterben, damit alle verstehen, was schon immer das Geheimnis hinter seinem Leben war. Und das wird durch seinen Tod ganz deutlich werden.

Und er fürchtet sich davor, aber er weiß: es reicht nicht, dass die Menschen den berühmten Juden Jesus von Nazareth kennen lernen, mit all den tollen Dingen, die er tat. Nein, sie brauchen die ganze Wahrheit – nämlich die Wahrheit über Jesus Christus, den gekreuzigten und auferstandenen Retter.

Denn genau dort, am Kreuz hat Gott Ja gesagt zu den Menschen. Er bekennt sich zu Jesus, zu diesem Menschen, der von allen verlassen uns verraten wurde. Er bekennt sich zu einem, der gefoltert und ermordet wurde. Den, der gering und schwach war: Gott macht ihn groß und nimmt ihn auf ins wahre Leben. Er bekleidet ihn mit Ehre. Und in diesem einen Menschensohn bekennt sich Gott zu uns allen. Am tiefsten Punkt der Menschengeschichte, in dieser finstersten Stunde, im Sterben seines eigenen Sohnes spricht Gott sein Ja zu den Menschen, sein Ja zum Leben. Da beginnt mitten in einer Welt des Todes das unvergängliche Leben.

Jesus ist klar: er muss den Weg ans Kreuz gehen, damit neues Leben werden kann. Dadurch ist der Tod dann nicht mehr das Ende, sondern wird im Ja Gottes zu einem neuen Anfang. Deshalb sagt Jesus: Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und erstirbt, bleibt es allein; wenn es aber erstirbt, bringt es viel Frucht.

Jesus spricht in diesem Bild aus der Natur über sich selbst.Und er erklärt hier zum ersten Mal, welches Prinzip hinter all seinem Tun steht. Er hatte schon früher manchmal von seinem Tod gesprochen, aber doch nie darüber, warum das so sein muss.

Und weil Jesus eben Jesus ist und so geprägt ist von Gottes Liebe, tröstet er seine Jünger auch gleichzeitig mit seinen Worten: es ist alles in Ordnung, sagt er seinen Freunden, genau das ist mein Weg. Ihr versteht das alles nicht, aber guckt doch, in der Natur ist das ganz genauso: wenn das Weizenkorn nicht zu Boden fällt und vergeht, wenn es sich nicht auflöst, dann bleibt es isoliert. Aber wenn das Samenkorn ausgesät wird und scheinbar umkommt, dann wird es fruchtbar sein. Es wird vielfaches Leben hervorbringen durch seinen eigenen Tod. Genau so läuft das bei mir ab und auch bei all denen,die sich an mich halten.

Jetzt wird deutlich, nach welchem Plan, nach welcher Logik Jesu lebt und auch stirbt.

Wir merken, von sich selber redet Jesus in seinem Wort vom Weizenkorn, das in die Erde fällt und erstirbt, damit es viel Frucht bringt. Das ist Gottes Weg die Welt zu retten.Er rettet sie nicht mit großen Weltverbesserungsprogrammen, nicht mit schönen Ideen von Fortschritt und Entwicklung, nicht durch gewaltige Revolutionen. Das Weizenkorn Jesus, das stirbt, bringt der Welt das Leben.

Das also sind die Puzzleteile, die noch fehlen:Gott offenbart sich in Jesus als ein Gott, der Leiden, Schwachheit und Tod nicht von sich weist, sondern erduldet. Und gerade so hat er dem Leiden und dem Tod die letzte Macht genommen.

Und das ist wahrlich kein leichter Weg. Wisst Ihr, wenn ich darüber nachdenke, dass Jesus genau wusste, welchen schrecklichen Tod er erleiden muss, dann wird mir ganz anders. Allein meine Phantasie malt mir Bilder, die sind schrecklich ohne Ende und ich bekomme fast Panik, bei dem Gedanken, dass das Jesu Realität war, wahrscheinlich sogar noch schlimmer, als ich mir ausdenken kann. Jesus hat Unmenschliches auf sich genommen – für uns. Und er wusste es vorher.

Ihm war klar: das was ich tun werde, das wird den Menschen erlauben einen Blick auf Gott zu tun. Sie werden an mir etwas ablesen können über Gott. Schon bisher haben sie viel über ihn erfahren, aber wenn sie sehen, wie ich im Vertrauen auf Gott sterbe, dann werden sie verstehen, dass er wirklich vertrauenswürdig ist. Sie werden verstehen, dass Gott ein Gott ist, den man auch in Qual und Tod noch lieben kann. Wenn sie mich am Kreuz hängen sehen, blutend und voll Schmerzen, aber trotzdem in Liebe zum Vater sterbend, dann werden sie an mir ablesen können, wie gut Gott ist.

Wenn mein letzter Gedanke ihm gilt,dann werden sie erkennen, dass er die Kraft war, die mir half mein Leben zu führen. Ich werde sterben, damit die Menschen verstehen können, wie Gott wirklich ist. Wenn sie das nur wüssten, dann würden sie keinen größeren Wunsch haben, als immer zu Gott zu gehören. Denn genau da gehören wir hin. Wir sind dazu geschaffen, mit Gott unser Leben zu leben. So lange wir das nicht wirklich tun, wird uns immer etwas fehlen.

Auch unser Leben ist nämlich so ein Puzzle. Und auch unser Leben versteht man erst, wenn alle Teile beisammen sind.

Und so ist in jedem Menschenleben dieser Platz für Gott vorhanden, und dieser Platz muss dringend ausgefüllt werden, denn eine offene Flanke würde uns schwächen.

Das spüren wir auch, und wir pressen alle möglichen Dinge an diesen Platz. Aber wir merken, dass es klemmt, nur mit Mühe lässt sich das Ganze zusammenhalten. So wird unser Leben sehr anstrengend. Aber wenn alles richtig zusammenpasst, wir uns Gottes Liebe wieder anvertrauen, dann beginnt erfülltes Leben. Dann endlich wird unser Lebenshunger gestillt. Und damit wir das kapieren, braucht es das volle Programm. Allein Jesu Leben und Wirken hätten nicht gereicht.

Deshalb ist seine eigentliche Antwort an die Griechen auch: sie sollen noch ein wenig warten. Wenn ich erst gestorben bin, dann können sie mich gleich richtig kennenlernen. Dann habe ich mein ganzes Werk getan; dann ist auf meinem Leben das Schlusssiegel meines Sterbens. Dann können sie gleich die ganze Kraft kennenlernen, die daraus entsteht.

Das ist nämlich die Kraft, die sich auch in unserem Leben entfalten soll. Und deshalb sagt Jesus auch gleich anschließend:

Wer sein Leben liebhat, der wird`s verlieren; und wer sein Leben auf dieser Welt hasst, der wird`s erhalten zum ewigen Leben.

Nur in Jesus ist das echte, ewige Leben. Um es ganz leben zu können, müssen wir uns manchmal auch von Altem und Liebgewonnenem trennen. Es muss sterben, damit Neues entstehen und wachsen kann. Wer festhält, sich nicht öffnet für Neues und Veränderung, wer sich zu wichtig nimmt, immer nur auf sich selber schaut, sich selbst für den Nabel der Welt hält, der verliert den Kontakt zu den Menschen - und auch zu Jesus.

Aber wenn wir loslassen, bereit sind für Veränderung, dann führt Jesus uns zu dem Leben, das er uns zugedacht hat. Dann sind wir wirklich lebendig, dann spüren auch wir die Kraft Gottes in unserem Leben. Und es wächst in uns eine große Freiheit und eine neue Sicht der Dinge, die uns dann den Mut gibt mitzugehen, wenn Jesus sagt:

Wer mir dienen will, der folge mir nach; und wo ich bin, da soll mein Diener auch sein. Und wer mir dienen wird, den wird mein Vater ehren.

Eigentlich sagt Jesus hier doch: komm, folge mit nach, dann bin ich immer bei dir. Dann wird dich Gottes Liebe begleiten auf deinem Weg und du erkennst immer mehr, was wirkliches, erfülltes Leben ist. Dann beginnt das Leben, zu dem du geschaffen bist.Dann klärt sich das Bild von dir immer mehr.Dann musst du nicht mehr mühsam alles ausprobieren um zu finden was in die offene Stelle deines Puzzles passt.

Erlauben wir Jesus doch, diese Stelle zu besetzen. Lassen wir uns doch retten. Es braucht gar nicht viel. Wir müssen nicht erst einen Fürsprecher haben, wie die Griechen damals. Ganz direkt können wir zu Jesus kommen. Jetzt und hier, dafür ist jeder Moment richtig.

Und wir werden dann Stück für Stück die Logik des Weizenkorns lernen. Und wir erfahren, dass man so tatsächlich leben kann:

Indem man Dinge aufgibt und weggibt und sich ganz an das Leben hingibt, gewinnt man dann wirklich das Leben.