Logo des Besonderen Gottesdienstes10  Jesus lehrte an einem Sabbat in einer Synagoge. 11  Unter den Zuhörern war eine Frau, die seit achtzehn Jahren unter einem bösen Geist zu leiden hatte, der sie mit einer Krankheit plagte. Sie war verkrümmt und völlig unfähig, sich aufzurichten. 12  Jesus bemerkte sie und rief sie zu sich. »Liebe Frau«, sagte er, »du bist frei von deinem Leiden!«, 13  und er legte ihr die Hände auf. Im selben Augenblick konnte sie sich wieder aufrichten, und sie fing an, Gott zu preisen. 14  Doch der Synagogenvorsteher war empört darüber, dass Jesus die Frau am Sabbat geheilt hatte. Er sagte zu der versammelten Menge: »Es gibt sechs Tage, die zum Arbeiten da sind. An denen könnt ihr kommen und euch heilen lassen, aber nicht am Sabbat.« 15  Der Herr entgegnete ihm: »Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch auch am Sabbat seinen Ochsen oder seinen Esel vom Futterplatz los und führt ihn zur Tränke? 16  Und diese Frau hier, die der Satan volle achtzehn Jahre lang gebunden hielt und die doch eine Tochter Abrahams ist – die sollte man am Sabbat nicht von ihren Fesseln befreien dürfen?« 17  Diese Antwort Jesu brachte alle seine Gegner in größte Verlegenheit. Das ganze Volk jedoch freute sich über all die wunderbaren Dinge, die durch ihn geschahen.

Der Sabbat ist eigentlich die klassische Form des heilen Rhythmus. Wir kennen ihn aber von den Jesusgeschichten her eher als beengende Regel, weil eben auch die besten Dinge schief werden können.

Jesus knüpft an an den eigentlichen Sinn des Sabbats. Er sagt: sollte man diese Frau nicht gerade am Sabbat von den Fesseln ihrer Krankheit befreien? Soll der Ruhetag nicht gerade ein Tag der Befreiung sein? So ist es vom Ursprung her gewesen: an einem Tag der Woche sollten die Menschen herausgenommen sein aus dem Zwang, zu arbeiten und sich Sorgen um den Lebensunterhalt zu machen. An einem Tag sollte der normale Rhythmus der Arbeit unterbrochen werden, damit die Menschen nicht vergessen, dass das Leben mehr ist als Produktion und Konsum. Das gehört zur Menschenwürde, dass wir nicht nur Arbeitskräfte sind. Wir haben einen eigenen Wert, unabhängig davon, ob wir uns nützlich machen. Das wird mit dem Ruhetag gefeiert.

Diejenigen, die diesen Ruhetag bis heute am entschiedensten einhalten, sind die Juden. Es wird nicht gearbeitet, es wird auch nicht gekocht - also wird den Frauen an diesem Tag der Stress in der Küche erspart. Man darf nur eine begrenzte Wegstrecke hinter sich bringen - also sitzt man auch nicht stundenlang im Auto eingepfercht, um irgendwo hinzufahren. Auf einmal läuft das ganze Leben anders - und es funktioniert!

Man muss sich vorstellen, was das für ein großer Schritt voran war in einer Welt, in der die Menschen Tag für Tag durcharbeiteten und Angst hatten, sie würden nicht genug haben, wenn sie Pause machen. Tag für Tag Arbeit oder Schule. In dieser Welt voller Arbeit sagten einige: am Sabbat ehren wir Gott damit, dass wir nichts tun. Sie unterbrachen ihre Arbeit, feierten und ließen es sich gut gehen und hatten trotzdem genug. Sie vertrauten ganz praktisch auf die Güte Gottes und erlebten jede Woche, dass das funktioniert.

Das heißt: von Anfang an war der Ruhetag ein Tag der Befreiung aus dem Reich der bitteren Not und des Zwanges und ein wöchentlicher Ausflug in das Reich der Freiheit. Ein Tag, der daran erinnerte, dass die Welt ursprünglich gut geschaffen ist und Plackerei und Krankheit und Streit am Anfang nicht dazu gehörten. Und dann ist es natürlich auch ein Tag, an dem ein Mensch von einer bedrückenden Krankheit befreit werden soll. Das passt wunderbar zum ursprünglichen Sinn des Ruhetages.

Und damit sind wir bei dem Thema des heilen Rhythmus. Eine Sache, an die wir gelegentlich denken, die hat keine großen Auswirkungen auf das Leben. Auch wenn wir gelegentlich etwas tun, das bewirkt noch nicht viel. Aber wenn wir regelmäßig etwas tun, es aufnehmen in unsere wiederkehrenden Lebensmuster, das ändert wirklich etwas.

Sehen Sie, die Arbeit und der Stress und die Zwänge, die melden sich von ganz allein. Da muss man nicht viel für tun. Aber die Freiheit von diesen Zwängen, die kommt nicht von selbst, die muss man extra wollen und organisieren. Dafür muss man sich etwas einfallen lassen.

Wenn wir also ein gutes, gesundes Leben führen wollen, dann müssen wir auf gesunde Lebensmuster achten. Und dazu gehört es, dass wir uns Gelegenheiten schaffen, an denen wir daran erinnert werden, dass wir Menschen eigentlich so geschaffen sind, dass wir souverän und königlich der Welt gegenüber treten und nicht als Getriebene und als Opfer.

Das Problem ist ja: viele sind so eingebunden in viele Zwänge, sie laufen mit so hoher Drehzahl, dass sie glauben, sie hätten keinen Spielraum, um zurückzutreten und nachzudenken. Und dann geht es immer weiter so, bis es eines Tages eben nicht mehr weitergeht, und dann geht irgendetwas kaputt, weil es die Überlastung nicht aushält, und wir werden für einige Zeit aus dem Verkehr gezogen und holen die Auszeiten nach.

Der erste Schritt zur Freiheit ist also immer: die Dinge aus der Hand legen, zurücktreten und alles mit Abstand anschauen. Jesus selbst z.B., ganz am Anfang seines Wirkens, war 40 Tage in der Wüste. 40 Tage, um seine Berufung zu klären. Und zwischendurch ist er immer wieder raus gegangen, in die Berge, um zu beten; er ist mit seinen Jüngern im Boot weggefahren, um in Ruhe und ungestört mit ihnen zu reden; immer wieder solche heilsamen Unterbrechungen, damit man Entscheidungen überdenken kann und nicht in einen Sog hineinkommt, aus dem man dann gar nicht mehr herausfindet.

Nur wenn man so zurücktritt und sich wieder in Gott festmacht, dann kann man mit der nötigen Distanz sein eigenes Leben beobachten: Warum ist es so? Wie funktioniert es eigentlich wirklich? Warum klemmt es? Warum bin ich manchmal unzufrieden? Und was mache ich, wenn ich unzufrieden bin? Schimpfen? Essen? Trinken? Kaufen?

In Wirklichkeit gibt es nämlich ganz viele verborgene Muster, die alle damit zusammenhängen, dass wir Glück und Freude suchen, und wenn wir die nicht finden, dann suchen wir uns irgendeinen Ersatz dafür. In der Szene am Anfang war das ja schon so weit, dass das Ehepaar sich in seiner Streitkultur eingerichtet hatte, und da gar nicht mehr raus wollte. Die waren schon gar nichts anderes mehr gewöhnt. Sie litten zwar unter dem Streit, aber sie konnten sich gar nicht mehr vorstellen, anders zu leben. Die hatten sich an den Ersatz für ein gutes Zusammensein gewöhnt.

Solche Lebensmuster können uns eben so krumm machen, wie die Frau in der Jesusgeschichte vorhin, die mit einem gekrümmten Rücken durch die Welt ging. Immer, wenn wir uns an einen dummen Zustand so gewöhnt haben, dass wir ihn kaum noch spüren, dann sind wir wieder ein Stück mehr verkrümmt geworden. Wenn wir uns daran gewöhnt haben, dass wir unglücklich sind; wenn wir gar nicht mehr merken, dass wir nicht souverän und frei durch die Welt gehen. Wenn wir uns daran gewöhnt haben, dass es jeden Morgen den gleichen Ärger gibt.

Das Leben ist natürlich kein Zuckerlecken, aber wenn wir anfangen, uns mit den Dingen abzufinden, dann beginnt bei uns diese Verkrümmung. Wenn wir gar keine Alternative mehr vor Augen haben und glauben, es müsse eben so sein. Wenn wir unsere Heimat bei Gott vergessen haben.

Was kann man machen, wenn man sich eine gesündere Lebenskultur zulegen will? Wie kriegt man das hin? Nun, in jedem Leben liegen ja die Dinge wieder anders, und man kann heute viel weniger als in früheren Zeiten ein bestimmtes Muster für alle empfehlen. Früher waren die Lebensabläufe einheitlicher, heute gibt es viel größere Unterschiede.

Trotzdem, ein paar Regeln gibt es, wie man es schafft, die eigenen Lebensmuster zu ändern und nach und nach eine »Kunst des gesunden Lebens« zu entwickeln. Ich möchte Ihnen einige davon vorstellen:

1. Such dir einen Ort »außerhalb«, von dem aus du dein Leben ansehen kannst.

Der Ort »außerhalb«, das ist so eine Zone wie der Sabbat, wo man die Dinge aus der Hand legt und aus der Tretmühle aussteigt und überlegt: was ist eigentlich los? Der Ruhetag oder eine regelmäßige Besinnungszeit oder ein Gespräch mit Freunden, das man zur Lebensüberprüfung führt oder so etwas ähnliches. Das ist das Erste und Wichtigste: für Abstand sorgen, für einen Ort außerhalb. Der eigentliche Ort außerhalb ist Gott, der außerhalb unserer Welt steht und von da aus immer wieder neue Impulse in die Welt hinein gibt.

2. Such dir einen überzeugenden Grund, warum du deinen Lebensrhythmus anders gestalten willst. Mach dir die Vorteile klar. Schreib sie auf. Wenn du magst, entwerfe einen Gesamtplan.

Wir werden nichts verändern ohne gute Gründe. Nur aus edlen Motiven heraus wird sich keiner die Mühe machen, mit eingefahrenen Gewohnheiten zu kämpfen. Aber wenn wir uns die Vorteile immer wieder klar machen und uns vorstellen, wie schön es wäre, wenn wir unsere Süchte verabschieden können oder mit den anderen besser auskommen oder ein weniger hektisches Leben führen oder uns weniger getrieben fühlen oder klarer unsere Berufung leben können, je mehr wir uns das vor Augen führen, um so motivierter sind wir, das auch anzupacken. Und weil wir das oft vergessen, ist es gut, sich wenigstens das Wichtigste aufzuschreiben. Noch wichtiger ist es dann, das auch nachzulesen.

3. Konzentriere dich jeweils nur auf eine Gewohnheit.

Wer sagt: »Ab morgen mache ich alles anders«, der wird scheitern. Wir sind tatsächlich Gewohnheitstiere und können nur wenige Dinge auf einmal ändern. Aber wer sich mindestens einen Monat lang darauf konzentriert, z.B. gesündere Ernährungsgewohnheiten zu entwickeln, keine Frustüberfälle auf den Kühlschrank mehr, der hat eine Chance, dass sich wirklich etwas ändert.

4. Finde die Auslöser dieser Gewohnheit heraus.

Jede Gewohnheit hat einen Auslöser. Wenn der Mann mürrisch in die Küche kommt, dann fällt der Frau ein, dass er ja eigentlich mehr helfen könnte. Wenn der Wecker klingelt, dann kommt der Gedanke: o nein, schon wieder so ein doofer Tag. Wenn man am Fernseher vorbeigeht, drückt man schon automatisch auf den Einschaltknopf. Wenn man diese Auslöser identifiziert, dann ist etwas Wichtiges passiert, denn jetzt kann man folgendes tun:

5. Denk dir für jeden Auslöser eine neue Reaktion aus.

Also, wer von raubtierartiger Gier nach Süßem überfallen wird, der kann ja vorher überlegen, ob er sich für diese Momente nicht süßes Obst hinstellt. Oder wer dazu neigt, schnell beleidigt zu sein, der kann sich für so einen Fall eine Unterbrechung ausdenken, bevor er anfängt darüber nachzudenken, wie gemein da wieder jemand war und wie er den bestrafen könnte. Vielleicht legt er sich ein spannendes Buch hin, in dem er dann weiterlesen darf. Meistens ist das dann alles gar nicht mehr so schlimm. Gerade Verzögerungen bewirken viel, denn:

6. Mach dir klar, dass jede Versuchung nach kurzer Zeit vorbeigeht.

Oft haben wir den Eindruck, dass wir sterben, wenn wir jetzt nicht gleich eine Freundlichkeit oder irgendetwas anders Entlastendes bekommen. Aber wenn wir es dann aus irgendeinem Grund nicht bekommen, stellen wir nach einiger Zeit erstaunt fest, dass wir immer noch leben, und dass es gar nicht so schlimm war. Wenn wir also Verzögerungen einbauen, zum Beispiel bis zehn zählen, bevor wir zurückschimpfen, oder vielleicht sogar bis 20 oder 100, dann hat sich inzwischen vieles schon erledigt. Warten bringt oft ganz viel.

7. Such dir Hilfe.

Wenn man das Ganze mit Unterstützung angeht, dann ist alles leichter. Gut, manchmal findet man da niemanden, aber wenn man jemand anderen hat, der einen ermutigt, und einen immer wieder an sein Ziel erinnert, das ist eine große Hilfe. Der wird dann auch zu so einem »Ort außerhalb«, von dem aus man sein Leben anschauen kann. Und so ist die letzte Regel auch wieder die erste:

8./1. Besuche regelmäßig deinen Ort »außerhalb«, von dem aus du dein Leben ansehen kannst.

Das ist nicht mit einem Mal getan, sondern das ist die wichtigste gute Gewohnheit, die man sich zu eigen machen sollte: immer wieder dieser Zwischenstopp, dieses Nachdenken und Heraustreten: der Ruhetag, der Tag der Befreiung, der Tag Gottes. Ein ganzer Tag oder eine regelmäßige Stunde oder eine Gruppe, zu der ich gehe: etwas, das mich daran erinnert, dass wir mehr sind als nur Leute, die irgendwelche Funktionen ausüben. Eine Zeit, die uns an unsere Würde erinnert, die Gott uns gegeben hat. Wir sollen keine Getriebenen sein, nicht Leute, die keine Wahl haben. Wir sollen frei sein als die Söhne und Töchter Gottes, die Erben dieser Welt, nicht die Sklaven. Die königliche Freiheit, die Gott uns gibt, muss bei ihm immer wieder erneuert werden, damit wir sie nicht vergessen oder verlernen. Aber es stimmt: unsere Heimat ist das Reich der Freiheit. Und wir machen jetzt schon immer wieder Ausflüge dorthin.

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