Einleitung:

Ich begrüße Sie und euch zum Besonderen Gottesdienst »unglaubliche Zeiten«. Gottes Friede sei mit euch allen!

Unglaubliche Zeiten – ich denke, das ist nicht übertrieben. Wir erleben im Augenblick Dinge, die früher undenkbar gewesen wären.

Das höchste Bauwerk der Welt wurde im vergangenen Monat eröffnet, es ist über 800 Meter hoch. Es steht in Dubai – in einem Gebiet, das vor ein paar Jahrzehnten noch eine öde Wüstenlandschaft war.

Aber 800 Meter sind keine Obergrenze – viel höhere Gebäude sind in Planung, und vermutlich werden sie auch gebaut werden. Der Eiffelturm mit seinen 300 Metern ist dagegen ein Zwerg.

Menschen tun Dinge, die noch vor kurzer Zeit undenkbar gewesen wären.

Dazu gehört auch die Geschichte von einem anderen Turm – wir kennen sie alle.

Das World Trade Center in New York. Bis 2001 war es eines der größten Gebäude der Welt. Dann wurde es am 11. September von einer kleinen Gruppe von Terroristen mit entführten Verkehrsflugzeugen zerstört. Fast 3000 Menschen starben. Menschen tun Dinge, die noch vor kurzer Zeit undenkbar gewesen wären.Wir leben in unglaublichen Zeiten. Als vor 65 Jahren der zweite Weltkrieg endete, war noch klar, was Macht war: Menschen, Waffen, Wirtschaftsleistung. Staaten waren die Akteure der Macht. Heute schafft es die geballte Militärmacht des Westens nicht, ein wenig entwickeltes kleines Land wie Afghanistan unter Kontrolle zu bekommen. Was ist da passiert? Was ist das Geheimnis hinter solchen Verschiebungen?

Die Antwort ist: Menschen. Menschen haben eine enorme Macht bekommen, zum Guten wie zum Bösen. Nicht mehr nur große Organisationen mit milliardenschwerer Finanzausstattung, sondern einzelne Menschen.

1998 gründeten zwei Studenten in einer Garage eine Firma, die mit einer neuen Suchtechnik das Internet durchsuchen sollte. 7 Jahre später hatte das Unternehmen Google einen Wert von 112 Milliarden Dollar.

Oder Wikipedia, das bekannte Internet-Nachschlagewerk. 2001 wurde es gegründet, nach neun Jahren hat allein die deutsche Ausgabe eine Million Artikel. Zusammengetragen wurde alles von Benutzern, die gemeinsam ein Nachschlagewerk geschaffen haben, dessen Qualität manchmal besser ist als die Qualität professioneller Lexika. Heute werden keine gedruckten Lexika mehr aufgelegt – ein ganzer Markt stirbt aus, weil Lexika nie so aktuell sein können wie Wikipedia.

Was ist das Geheimnis hinter Google, hinter Wikipedia, hinter dem Desaster in Afghanistan, hinter dem Terrorismus, der Staaten herausfordert, die militärisch gesehen eine überwältigende Macht haben? Was ist der Schlüssel zum Verständnis der globalen Erwärmung und zum Verständnis der rasanten Entwicklung alternativer Energiequellen? Menschen. Menschen, die motiviert sind, die Fantasie und Findigkeit entwickeln, Menschen, die zusammenarbeiten, Menschen mit ihrer ganzen Kreativität können enorm viel erreichen, im Guten wie im Bösen.

Kreativität ist das Schlüsselwort. Kreativität – das ist die schöpferische Energie, die in jedem Menschen angelegt ist. Das ist nichts, was nur leicht schrägen Künstlern vorbehalten wäre. Gott ist die Quelle der Kreativität, und er hat uns nach seinem Bild geschaffen. Er hat in jedem von uns die Fähigkeit angelegt, etwas Neues und noch nie da gewesenes zur Welt zu bringen. Wenig niedriger als Gott sind wir geschaffen, heißt es in Psalm 8.

Kreativ waren Menschen schon immer, aber im Augenblick erleben wir eine wahre Entfesselung der Kreativität in vielen, vielen Menschen. Es geht unheimlich schnell voran. Was gestern revolutionär war, ist heute überholt. Wir erleben einen Zuwachs an menschlichem Potential, wie wohl kaum jemals in der Geschichte der Menschheit. Und es ist nicht vorhersehbar, wo uns das hinbringen wird. Es ist nicht vorhersehbar, ob sich Kräfte der Zerstörung oder Kräfte des Lebens durchsetzen werden.

Aber es sind Menschen mit ihren unglaublichen Möglichkeiten, die all das zustande bringen. Wer das nicht versteht, wird immer wieder von den Ereignissen völlig überrascht werden. Fast alles hängt davon ab, ob die Kraft, die Kreativität und das Potential von Menschen freigesetzt wird, oder ob es ungenutzt verkümmert.

Und die wichtigste Frage ist: wie kann diese Kraft von Menschen dazu dienen, dass wir in all den rasanten Verschiebungen, in all diesen unvorhersehbaren Revolutionen und Konflikten überleben? Wie kann die Initiative und Kraft von Menschen dafür sorgen, dass wir rechtzeitig Fehlentwicklungen erkennen und gegensteuern können? Bis große Organisationen, Staaten, die Politik umdenken, vergeht zu viel Zeit. Aber Menschen können flexibel sein und Lösungen erfinden, die vorher keiner gesehen hat.

Wie geht das? Wie kann die Kreativität der Menschen dafür sorgen, dass wir in Zeiten rapiden Wandels überleben können und die Erde ein bisschen besser wird als vorher? Ich glaube nicht, dass wir am Ende des Gottesdienstes schon die Antwort darauf haben, aber wenn wir die Frage an uns heranlassen, dann könnte ja unsere Kreativität eine Chance bekommen.

Wir bitten Gott, dass das heute unter uns geschehen möge!

Im weiteren Verlauf des Gottesdienstes war die satirische Theaterszene "Die Elefantenfabrik" zu sehen, die an einem grotesk übersteigerten Beispiel die Hilflosigkeit im Umgang mit immer verrückteren Projekten (in diesem Fall die technisierte Massenviehhaltung) darstellte.

Es folgte die Predigt:

37 Aber am letzten Tag des Festes, der der höchste war, trat Jesus auf und rief: Wen da dürstet, der komme zu mir und trinke! 38 Wer an mich glaubt, wie die Schrift sagt, von dessen Leib werden Ströme lebendigen Wassers fließen. 39 Das sagte er aber von dem Geist, den die empfangen sollten, die an ihn glaubten; denn der Geist war noch nicht da; denn Jesus war noch nicht verherrlicht. ...
12 Und Jesus redete abermals zu ihnen und sprach: Ich bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.

An der Szene, die wir eben gesehen haben, finde ich am Beeindruckstendsten die Hilflosigkeit, mit der viele Menschen so einem verrückten Projekt gegenüberstehen. Sie spüren zwar irgendwie, dass es nicht gut ist, was da geschieht, aber sie finden nicht die richtigen Worte dafür, und das macht sie hilflos. Ich denke, das geht uns nicht selten so, dass wir ein dumpfes Gefühl haben, dass die Richtung nicht stimmt, aber wir wissen nicht so recht, wie wir das ausdrücken können.

Die einen ziehen sich auf die Rechtslage zurück und denken nicht darüber hinaus – sie lassen sich ihr Blickfeld vom geltenden Recht begrenzen, als ob damit schon alles gesagt sei. Der Experte versteckt sich hinter den Marktkräften, als ob damit schon alles gesagt sei, und als ob Menschen Automaten wären, die einfach nur auf wirtschaftliche Sachzwänge reagieren. Andere argumentieren mit Lärmbelästigungen, mit Grenzwerten und Immissionsverordnungen, vielleicht mit der Wertverminderung von Grundstücken, und das ist alles ja auch nicht falsch, aber eigentlich haben die meisten doch ein viel tiefer sitzendes Unbehagen: darf man Lebewesen einfach so in einer großen Fabrik produzieren, so als ob sie Joghurtbecher oder Kotflügel wären? Was passiert mit dem Leben, wenn es nur noch Mittel zum Zweck ist, wenn es anscheinend nur noch ein paar Cent wert ist und nicht mehr wahrgenommen wird als ein Wunder, als etwas Einzigartiges, Schönes und Wertvolles? Was passiert da mit uns selbst, die wir ja auch Lebewesen sind? Hat das nicht auch Rückwirkungen auf uns selbst, wenn wir andere Lebewesen so behandeln?

Leben ist etwas Einzigartiges, was man nicht hoch genug schätzen kann. Über Jesus heißt es gleich am Anfang des Johannesevangeliums (1,4): In ihm war das Leben, und das Leben war das Licht der Menschen. Die Welt ist unübersichtlich, sie verändert sich mehr denn je, wir können nicht vorhersehen, was noch auf uns zukommt, aber wenn wir uns am Leben orientieren, dann ist das ein Licht, ein Wegweiser, der uns hilft, die Richtung zu finden.

Vorhin in dem Stück vorhin war das ganz besonders die Dame hier vorne, die diesen Aspekt irgendwie eingebracht hat – die so schrecklich emotional war, die uns vermutlich alle erschreckt hat und uns wahrscheinlich herzlich unsympathisch war mit ihren Attacken und Zwischenrufen (Entschuldigung, war nicht persönlich gemeint!). Aber bei ihr zeigte sich noch am ehesten so etwas wie ein Gespür für diesen Skandal, dass Leben zu einem Ding gemacht wird, zu einer Sache ohne Eigenwert, die dann am Ende auch beim Discounter kaum noch etwas wert ist.

Aber man merkt gleichzeitig: diese aggressive Moralisierung, das ist auch nicht der richtige Ausdruck für die Wertschätzung des Lebens, um die es eigentlich geht. Aber es reicht eben nicht, nur mit Gesetzen und Verordnungen zu argumentieren. Es reicht nicht aus, sich selbst hinter irgendwelchen Sachzwängen zu verstecken. Damit werden wir nicht die Herausforderungen bewältigen, die noch auf uns warten. Es kommt darauf an, ob wir im Leben selbst verankert sind.

Denn vor uns liegen Umbrüche und Instabilitäten, die wir prinzipiell nicht voraussehen können. Hat irgendwer von uns das Attentat vom 11. September vorausgesehen? Hat irgendwer von uns die Finanzkrise vorausgesehen? Weiß heute irgendwer von uns, was aus der Haushaltskrise in Griechenland noch alles werden wird? Vielleicht geht sie vorbei wie viele andere Gefahren, vielleicht ist sie der Anfang des nächsten Crashs. Menschen entwickeln ein enormes Potential im Guten wie im Bösen, Menschen sind voller Kreativität, voller Leben und Energie, und das ist prinzipiell nicht vorauszuberechnen. Man kann Menschen nicht kontrollieren. Deshalb sind die Abwehrmaßnahmen gegen Terroranschläge oft so absurd: du stopfst 100 Schwachstellen, aber da gibt es Leute, die so lange überlegen, bis ihnen die hundertunderste Schwachstelle einfällt. Menschen sind unglaublich erfindungsreich.

Wenn wir mal einen Augenblick überlegen, wie sich eigentlich unser Körper schützt, dann erkennen wir da eine ganz andere Strategie. Unser Körper lebt in einer Welt voller Bakterien, Viren, Pilzen und anderer Mikroben. Es ist überhaupt nicht vorhersehbar, welchen Mikrolebewesen wir begegnen. Jedes Lexikon der Krankheitserreger in unserem Erbgut wäre in kurzer Zeit überholt. Deswegen hat unser Körper ein enorm lernfähiges Immunsystem, das sehr flexibel reagiert. Überall im Körper sind Zellen verteilt, die schnell auf gefährliche Mikrolebewesen reagieren. Unser Körper schützt sich nicht, indem wir unsere Umwelt mit Sagrotan und ähnlichen Desinfektionsmitteln baktereinfrei halten, sondern er setzt den wirklich gefährlichen Kleinlebewesen einfach die Kraft des Lebens entgegen. Die Kraft, flexibel und selbständig zu reagieren.

Wenn wir das mal auf unsere Gesellschaft übertragen, dann liegen die wahren Abwehrkräfte nicht in einem aufgeblähten Sicherheitsapparat, sondern in vielen Menschen und Menschengruppen, die so ein Gespür für das Leben haben, dass sie Gefahren rechtzeitig erkennen und flexibel darauf reagieren. Ich weiß nicht, ob Sie sich noch an die Lesung vorhin erinnern. Das waren Verse aus dem Johannesevangelium, wo Jesus sagt: Wer mir nachfolgt, wird das Licht des Lebens haben. Licht bedeutet Orientierung, Durchblick. In den Spuren Jesu bekommt man ein feines Gespür dafür, wo das Leben bedroht ist. Und das hilft dann auch anderen, sich am Leben zu orientieren.

Man könnte sagen, die Werte einer Gesellschaft sind ihr Immunsystem, das ihr hilft, das Schädliche und Hilfreiche auseinander zu halten. Aber Werte sind in unserer Welt, die sich so rasant verändert, immer noch ein bisschen zu langsam und meistens ein bisschen zu traditionell. Erst durch den Direktkontakt mit Jesus bleiben wir flexibel und beweglich. Heiliger Geist ist das Stichwort dafür. Der Heilige Geist ist ein Frühwarnsystem, das uns rechtzeitig zeigen kann, wo Leben bedroht ist. Und dann können sich überall die Abwehrzellen darauf einstellen. Ja, Zellen von Menschen, die ganz nah vor Ort sind, flexibel und erfindungsreich, so dass sie die richtigen Antworten finden auf Gefahren und Bedrohungen. Zellen, in denen die ganze Kreativität von Menschen freigesetzt wird, so dass das Gute und Lebendige noch viel unvorhersehbarer und unkontrollierbarer wird als die Gefahren und Zerstörungen.

Noch einmal zu der etwas fanatischen Dame hier vorne: man sieht daran, wie schnell etwas richtig empfundenes umschlagen kann – eben in Fanatismus. Und dann wird es kontraproduktiv. Wenn Menschen sich an abstrakten Werten orientieren, werden sie schnell unbeweglich. Wir brauchen dieses lebendige Gegenüber, Jesus, weil alles Gute und Hilfreiche in Beziehungen geschieht. Gute Prägungen geschehen nicht durch abstrakte Werte, sondern durch lebendige Menschen.

Aber wenn wir verbunden sind mit dem Leben selbst, dann bleiben auch unsere Werte lebendig und flexibel. Und auch das Leben ist kein abstraktes Prinzip. Das ist ja eine ganz starke Aussage, wenn es heißt, dass in Jesu das Leben ist. Leben ist etwas persönliches, keine Kraft und kein Naturgesetz, sondern es ist in einer Person zusammengefasst. Es ist Gottes eigenes Leben, das er in die Schöpfung hineingelegt hat. Schon das ist ein Wunder. Aber dann ist er auch noch in Person gekommen, damit wir ein Gegenüber haben, das einen Namen und ein Gesicht hat, ein Mensch. Das Leben hat Konturen bekommen, es hat ein Gesicht bekommen. Jesus ist gekommen, um unsere gestörte Liebe zum Leben zu heilen.

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