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Besonderer Gottesdienst am 16.09.2012: Der neue Weg der Bergpredigt (Logo)

13 Ihr seid das Salz der Erde. Wenn nun das Salz seine Wirkung verliert, womit soll man salzen? Es ist zu nichts mehr nütze, als dass man es wegschüttet und von den Leuten zertreten lässt.
14 Ihr seid das Licht der Welt. Es kann die Stadt, die auf einem Berge liegt, nicht verborgen bleiben. 15 Man zündet auch nicht ein Licht an und setzt es unter einen Scheffel, sondern auf einen Leuchter; dann leuchtet es für alle im Hause. 16 So soll euer Licht leuchten vor den Menschen, damit sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.

Zuerst wollen wir uns daran erinnern, wie das Palästina des ersten Jahrhunderts aussah, in dem diese Worte zum ersten Mal ausgesprochen und gehört wurden: ein Land, das seit Generationen unter mehr oder weniger harter Fremdherrschaft leiden musste. Wenn man vom Priester- und Geldadel in Jerusalem absah, gehörten so gut wie alle Juden zu den Ohnmächtigen und Unterdrückten.

Und so eine Lage macht etwas mit den Menschen: Unterdrückung zerstört die Seele und die sozialen Beziehungen. Menschen ahmen in ihrem alltäglichen Umgang miteinander den Stil der Machthaber nach, der färbt ab auf die Unterdrückten, und sie machen sich auch noch gegenseitig klein.

Das waren die Menschen, die von Jesus hörten: ihr seid das Salz der Erde! Ihr seid das Licht der Welt! Jesus verschloss nicht die Augen vor der desolaten Situation seiner Zuhörer. Aber er sah, dass diese Menschen das Potential hatten, in einer finsteren Welt ein helles Licht zu sein. Sie gehörten zu dem Volk, dass Gott auserwählt hatte, seinen Segen in die ganze Welt zu bringen. Und Gott ist auch dann nicht am Ende seiner Weisheit, wenn sein Volk in eine scheinbar ausweglose Situation gerät, äußerlich und innerlich.

Gott hatte Jesus gesandt, um diese Situation zu ändern. Er brachte seinen Leuten eine Art zu leben, die sie aus ihrer scheinbaren Ohnmacht herausholte. Seine Botschaft lautet, dass das Gefühl der Ohnmacht trügt. Wir täuschen uns, wenn wir sagen: »da kann man nichts machen!« Das gilt vielleicht für Menschen, die nichts von Gott wissen, die nicht damit rechnen, dass er sich um seine Welt kümmert. Aber wenn wir das größere Bild vor Augen haben, dass Gott sich bis heute intensiv mit seiner Welt befasst, dass er sie nicht aufgegeben hat, dann sieht es anders aus. Wir können vielleicht nicht alles tun, was wir gerne würden, aber wir können mehr erreichen als nichts.

Jesus sagt zu den unterdrückten Jüdinnen und Juden seiner Zeit, und er sagt es zu all seinen Nachfolgern durch die Jahrhunderte: ihr seid der entscheidende Faktor, den Gott ins Spiel bringt, damit in dieser Welt doch noch sein Wille geschieht. Wenn ihr meine Worte aufnehmt und sie in euch leben, dann wird von euch die Kraft ausgehen, die diese Welt zurückholt zu ihrer wahren Bestimmung.

Wir wachsen bis heute auf mit dem Gefühl: nur die wirklich großen Menschen werden etwas in der Welt erreichen. In der alten Zeit stellten die Kaiser und Könige überall riesige Standbilder von sich auf, um den Menschen zu signalisieren: ich bin groß, ihr seid im Vergleich dazu nur Ameisen. In Bagdad stand noch am Anfang des 21. Jahrhunderts eine riesige Statue Saddam Husseins.

Würde bei uns jemand so eine Statue von sich aufstellen, würde er sich lächerlich machen. Bei uns sind die Signale dafür, wer groß ist und etwas bewegt, viel dezenter. Unsere Kaiserstatuen sind die Medien, und wer da abgebildet wird, im Fernsehen, in Zeitungen und Illustrierten, ist nicht überlebensgroß, aber doch so perfekt gestylt und ins Bild gesetzt, dass wir das Gefühl haben: so werde ich nie sein. So seriös angezogen oder so modisch geschmackvoll, eine so perfekte Haut oder Figur, eine so gewählte und schlagfertige Art zu reden, eine so dramatische, aufregende Art, seine Beziehungen zu gestalten – da werde ich nie hinkommen.

Aber Jesus wendet sich genau zu uns normalen, durchschnittlichen Menschen, so wie er sich an die durchschnittlichen Fischern, Bauern und Tagelöhner seiner Zeit und ihre Familien gewandt hat und sagt: euch will Gott für seinen Plan haben. Ihr seid viel näher dran an seiner Sache als all die ganzen Fuzzis, zu denen ihr immer hochschaut. Wenn meine Worte in euch leben, dann könnt ihr diese Welt wirklich bewegen, denn ihr erinnert sie an ihren Ursprung. Ihr repräsentiert die eigentliche Wahrheit dieser Welt, ihre Bestimmung, das, was sie im Innersten zusammenhält.

Diese beiden Bilder, die Jesus gebraucht, Salz und Licht, die erinnern ja beide auf unterschiedliche Weise an unseren Ursprung: Licht ist das erste, was Gott schuf. Er sprach »es werde Licht«, und damit fing alles an. Diese Welt ist der Dunkelheit und dem Chaos entrissen worden, und ohne Licht würde sie wieder dorthin zurückfallen. Und auch die Freundlichkeit und Herzlichkeit in der Szene, die wir am Anfang gesehen haben, ist ein Abglanz dieses ursprünglichen Lichts.

Auch ohne Salz kann niemand leben. Jedes Lebewesen braucht ein gewisses Maß an Salz. Und auch das hängt mit unserem Ursprung zusammen, diesmal mit unserem biologischen Ursprung im Meer: das Salz in unserem Blut ist eine Erinnerung daran, dass vor langer, langer Zeit lebende Wesen aus dem Meer an Land gekommen sind und sich diesen neuen Lebensraum erschlossen haben, und die Erinnerung an das Meer tragen wir bis heute in uns.

Wenn Jesus also seine Leute, die Menschen der Bergpredigt, »Salz« und »Licht« nennt, dann heißt das: in der Bergpredigt lebt die Erinnerung an den Ursprung wieder auf. Da wird das Muster sichtbar, das der ganzen Welt von Anfang an eingestiftet ist. Die Regel, nach der die Welt wirklich funktioniert. Die Logik, die sie bewegt.

Und diese Logik ist, dass niemand isoliert lebt, dass niemand sich auf Kosten aller anderen sanieren kann, sondern dass die Welt durch Schenken und Geben lebt, dass von Gott her Segensströme in die Welt fließen, die wir nicht festhalten, sondern weitergeben sollen. Denn wir leben von dem Guten, das durch uns hindurchfließt, und es wird für alle weniger, wenn wir es festhalten und aufspeichern wollen. Gott, so sagt es Jesus etwas später in der Bergpredigt, Gott lässt es regnen über Gute und Böse, er schenkt den lebenswichtigen Segen den Gerechten und den Ungerechten, und wir sollen es ihm nachmachen.

Ob wir aus der Fülle des Segens leben, oder ob wir alles gierig festhalten und die Welt als Beute ansehen, das sind zwei grundlegend verschiedene Arten zu leben. Aber sie spiegeln sich in unzähligen Verhaltensweisen wieder, die für uns oft so selbstverständlich sind, dass wir gar nicht mehr darüber nachdenken. Wir haben es von klein auf gelernt und kennen es nicht anders.

Dass wir uns schützen gegen die Angriffe anderer, dass wir anderen bestenfalls das geben, was sie verdienen, aber nicht mehr, dass wir Menschen aus den verschiedensten legitimen Gründen herabsetzen, dass wir für unsere Sicherheit sorgen, dass wir Schmerzen vermeiden, dass wir unser Recht einfordern, das ist für uns die normale Verhaltensweise, und die etwas unappetitlicheren Arten, unsere Schäfchen ins Trockene zu bringen, die kennen wir zumindest auch. Man kann auf brutale Art und Weise selbstsüchtig sein und man kann es auf zivilisiertere Art sein. In der Regel gehören Menschen, die in Gottesdienste gehen, zu den Zivilisierteren. Und natürlich ist die zivilisierte Version angenehmer im Umgang, aber Jesus sagt: ihr müsst noch viel tiefer graben, bis ihr an die Stelle kommt, wo die grundlegende Alternative zu finden ist.

Es gibt eine Stärke, die aus Gott fließt, die erlaubt es uns, auch auf die sozusagen legitimen Methoden des Selbstschutzes zu verzichten. Es gibt eine Stärke, die kann die Kontrolle über die Situation aus der Hand geben und wird am Ende doch das Ziel erreichen. Diese Stärke ist an Jesus sichtbar geworden, als er den Tod auf sich nahm, als er Menschen erlaubte, ihm das Schrecklichste anzutun, und trotzdem blieb er es, der die Situation bestimmte und noch mit seinem letzten Atemzug seinen Henker überzeugte und so dem Imperator einen Menschen wegnahm. Da ist diese Stärke in vollem Maß sichtbar geworden, aber schon vorher immer war sie es, die Jesus bewegte.

Und seit Jesus auferstanden ist, wissen wir, dass das der Weg ist, zu dem Gott ja sagt. Es sind eben nicht ein paar arme, edle Idealisten und Gutmenschen, die sich auf diesen hoffnungslosen Weg gemacht haben, sondern sie haben Gottes ganze Macht hinter sich und vor sich seine kommende Welt. Und deswegen leben sie jetzt schon nach den Regeln der kommenden Welt und erleben, wie sie damit Macht gewinnen über Menschen und Verhältnisse, aber eine Macht, die nicht kaputtmacht, Macht, die nicht mehr aus den Gewehrläufen, von Schweizer Bankkonten oder aus der Kunst der verletzenden Rede kommt. Bei allen Revolutionen bis heute ist es ja immer das Problem, ob die Revolutionäre nur gegen etwas sind, oder ob sie etwas Besseres anzubieten haben als die bisherige Herrschaft. Und es ist schlimm, wenn alle, die nach Gerechtigkeit gehungert und gedürstet haben, am Ende nur eine andere Art von Unterdrückung bekommen.

Aber Jesus öffnete tatsächlich für die unterdrückten Menschen vom See Genezareth und für alle Ohnmächtigen überall auf der Welt einen Weg, wie sie auch in der härtesten Lage ihre Würde bewahren können und zu den entscheidenden Akteuren in Gottes Plan mit der Welt werden können. Wie sie schon vor der Revolution ein Leben lernen können, das von Freiheit und Solidarität geprägt ist und unwiderstehliche Kraft entwickelt.

Wir haben es schwer, diese Art von Macht auch nur zu beschreiben, weil wir es gewöhnt sind, dass unsere Welt völlig anders funktioniert. Wir sind ja schon froh, wenn die Welt ein wenig zivilisierter wird, wenn Menschen die Polizei holen, anstatt dem Nachbarn eigenhändig eins auf die Nase zu geben. Für uns ist es ein großer Schritt voran, wenn wir bei einem Konflikt mit dem anderen reden, anstatt über ihn. Und, ja, das ist wirklich ein großer Schritt. Aber bei Jesus sehen wir, dass es der Anfang eines Weges ist, auf dem wir Dinge erleben und finden können, von denen wir heute bestenfalls ahnen. In der Bergpredigt ist eine Lebensart beschrieben, die wir erst nach und nach entdecken. Sie ist aber eigentlich nicht schwer, im Gegenteil, wir sind genau für diese Art zu leben gemacht. Es ist die Lebensart des Paradieses. Da war sie ganz natürlich und normal.

Wir haben uns inzwischen an die andere Art zu leben gewöhnt. Deshalb scheint die uns normal und einfach. Aber wenn wir anfangen, bei Jesus die ursprüngliche Art zu entdecken und die eigentliche menschliche Stärke zu lernen, dann merken wir, dass die viel besser passt. Dann finden wir und die Welt zurück zur ursprünglichen Güte und Größe.

Es soll an konkreten Menschen und ihren konkreten Verhaltensweisen sichtbar werden, dass eine andere Macht als die üblichen Kräfte auf den Plan tritt. Erst wenn Christen den falschen Respekt vor den herrschenden Verhältnissen verlieren, dann werden Menschen glauben, dass Gottes Reich mehr ist als die bekannte Vertröstung auf ein besseres Leben im Jenseits. Es geht ja gerade darum, dass sich das Diesseits bewegt, dass die Statuen der jeweiligen Herren ihren Glanz verlieren und Rost ansetzen, dass die Bilder auf dem Hochglanzpapier ihre Attraktivität verlieren, und dass unter uns das Bild des wahren Menschen all die gefakten Glanzbilder überstrahlt.

Dazu müssen wir uns immer wieder diesen Worten Jesu aussetzen, wir müssen sie im Herzen bewegen, damit sie in uns hineinkommen, damit sie in uns leben und unser Denken und Fühlen wandeln. Es geht nicht so, dass wir es einmal verstanden haben, und dann haben wir es geschnallt. Die Worte Jesu zeigen uns Schritte, und wenn wir die gegangen sind, dann erschließen sie sich wieder neu und anders. Jesus lebt in seinen Worten, wenn der Heilige Geist sie nimmt und und mit ihnen die Tiefen unseres Herzens berührt, dann wird Jesus sie Stück für Stück verwandeln.

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