Interview mit Johannes Falk

Szene für den Besonderen Gottesdienst am 7.12.2003

Personen:
Interviewer
Johannes Falk

Interviewer:   (zur Gemeinde) Es ist ja nicht mehr lange bis Weihnachten. Wir werden dann sicher auch wieder eins der bekanntesten Weihnachtslieder singen, nämlich »O du fröhliche«:
O du fröhliche, o du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!
Welt ging verloren, Christ ist geboren, freue dich o Christenheit!

Ich habe heute ausnahmsweise die Gelegenheit, einige Fragen an den Verfasser dieses Lied zu stellen. Sein Name war Johannes Falk. Und auch von ihm können wir etwas über unser Thema »Geschenke« lernen.
(Falk kommt)
Guten Tag, Herr Falk. Sie haben die erste Strophe eines unserer bekanntesten Weihnachtslieder geschrieben: »O du fröhliche«. Wie kam es dazu, dass Sie das verfasst haben?

Johannes Falk: Ich habe diese Strophe im Jahr 1816 für die Kinder in unserer Sonntagsschule geschrieben.

Interviewer:   Was war das für eine Sonntagsschule? Sie sind doch kein Pastor gewesen.

Johannes Falk: Das ist eine lange Geschichte. Ich lebte ja in der Zeit, als Napoleon Kriege in ganz Europa führte. 1813 war die Völkerschlacht bei Leipzig. Keiner wusste, was man mit den Kindern der vielen toten Soldaten machten sollte, und auch mit all den anderen, die keine Familie mehr hatten. Ich habe Hunderte verwahrloster, herumstreunender Kinder in mein Haus aufgenommen. Und ich habe versucht, sie wieder auf den rechten Weg zu bringen. Später habe ich für sie ein Zuhause in anderen Familien gesucht. Wir mussten auch Arbeits- und Lehrstellen für sie finden. Und sonntags trafen sich alle Kinder in meinem Haus zur Sonntagsschule.

Interviewer:   Dann haben Sie »O du fröhliche« also ursprünglich mit verwahrloste Waisenkinder gesungen. Haben Sie die auch vor Augen gehabt, als Sie diesen Satz gedichtet haben: »Welt ging verloren«?

Johannes Falk: Das kann man wohl sagen. Die Kinder hatten oft jahrelang niemanden gehabt und haben sich mit Stehlen oder Betteln durchgeschlagen. Wenn sie erwischt wurden, wartete auf sie das Zuchthaus oder Zwangsarbeit in Ketten. Der Staat meinte, anders könne man mit solchen Kindern nicht fertig werden. Aber ich meinte, sie brauchen vor allem Erziehung und ein Zuhause, Familienanschluss und Berufsausbildung.

Interviewer:   Und deshalb heißt es dann in Ihrem Lied nicht nur: »Welt ging verloren«, sondern auch: »Christ ist geboren, freue dich o Christenheit«?

Johannes Falk: Ich wollte, dass die Kinder verstehen: die Hilfe und die Freude, die sie jetzt erleben, die hat ihren Ursprung in Jesus Christus.

Interviewer:   Für Sie selbst ist Jesus Christus aber nicht immer so ein Grund zur Freude gewesen?

Johannes Falk: Nein. Meine Eltern waren sehr fromm und haben mir deshalb viele schöne Dinge verboten. Ich war sehr wissensdurstig, aber ich durfte viele schöngeistige Bücher nicht lesen. Ich habe deshalb in meinen jüngeren Jahren mit beißender Ironie geschrieben. Es gab Skandale um meine Bücher. Goethe forderte sogar einmal den Herzog von Weimar auf, mich des Landes zu verweisen. Dabei waren wir eigentlich befreundet.

Interviewer:   Und wie konnten Sie dann später solche Lieder wie »O du fröhliche« schreiben?

Johannes Falk: Im Jahre 1813 kam eine Seuche ins Land. Sie nahm mir meinen Sohn Roderich, und er war erst ein Jahr alt. Bald darauf starb Cäcilie, und sie hatte nur zwei Monate gelebt, als wir sie begruben. Wenig später schloss auch Eugenie die Augen, sechs Jahre alt, und zwei Wochen später der dreijährige Guido.

Interviewer:   Aber drei Jahre später haben Sie ein Weihnachtslied voll Freude und Fröhlichkeit geschrieben. Dabei spüren doch viele Menschen gerade zu Weihnachten solche Verluste wieder besonders stark.

Johannes Falk: Für mich ist diese Zeit damals eine wirkliche Wende geworden. Nach der Beerdigung meines vierten Kindes wurde ich selbst schwer krank. Ich schwebte wochenlang zwischen Tod und Leben. Damals merkte ich, dass Gott mir etwas zu sagen hatte. Er wollte, dass mein Leben ihm gehören sollte. Als ich wieder zu klarem Bewusstsein kam, verstand ich, dass Gott mich vom Tod errettet hat, weil er einen bestimmten Plan mit mir hatte.

Interviewer:   Was war das für ein Plan?

Johannes Falk: Ich merkte damals: Gott schenkt dir das Leben, weil er weiß, dass du ein Herz voll Liebe für deine Mitmenschen hast; das sollst du den armen Kindern zuwenden, die ihre Eltern verloren haben.

Interviewer:   Sie haben damals also Ihr Leben neu geschenkt bekommen. Und dann haben Sie einfach begonnen, sich um diese Kinder zu kümmern?

Johannes Falk: Einfach war es nicht immer. Ich musste erfahren, dass manche Kinder mich belogen, betrogen und bestahlen. Aber ich habe gelernt, ihnen trotzdem mit Liebe zu begegnen.

Viel schwieriger war es mit den Nachbarn. Denen waren die vielen Waisenkinder ein Dorn im Auge, und so wurde mir schließlich mein Haus gekündigt.

Interviewer:   Was haben Sie da gemacht?

Johannes Falk: Uns wurde ein altes, baufälligen Gebäude angeboten. Mit den Kindern zusammen konnte ich es wieder herrichten und bewohnbar machen. So habe ich erfahren, dass Gott oft gerade dann weiterhilft, wenn es am allerschwärzesten aussieht.

Interviewer:   Und daraus wurde dann der »Lutherhof«, die erste moderne Erziehungsanstalt für Waisenkinder.

Johannes Falk: Ja. Als wir dort eingezogen waren, schrieb ich einem Freund: »Könnten Sie uns sehen, Sie würden sich freuen und Gott preisen. Kinder von Mördern und Räubern singen Psalmen und beten. Knaben, die früher nur verstanden, Häuser aufzubrechen, bauen nun selbst eins. Wo Ketten und Fußblöcke, wo Peitschen und Gefängnis nichts vermögen, trägt die Liebe den Sieg davon.«

Interviewer:   Offensichtlich steckt etwas von dieser Freude immer noch in Ihrem Lied. Wir singen es auch heute noch, beinahe 200 Jahre später.

Johannes Falk: Das ist schön!